| Was das Parlament beschlossen hat, kann die Straße wieder auflösen
Olivier Besancenot diskutiert mit LeserInnen von Le Monde Online* Die Unzufriedenheit geht über die Frage der Rente hinaus, aber an der Frage der Rente kristallisiert sie sich. Viele Lohnabhängige und viele junge Leute können nicht länger ertragen, dass die Regierung mit zweierlei Maß misst, und sehen tatsächlich im Rentenstreik eine Möglichkeit der Abrechnung mit der Regierung Sarkozy, die wir schon zu lange ertragen. Das Gesetz bleibt solange ein Entwurf, solange es nicht im Amtsblatt veröffentlicht ist. Und selbst wenn es dort veröffentlicht ist, erinnert uns die Sozialgeschichte unseres Landes daran, dass das, was das Parlament – Nationalversammlung und Senat – beschlossen hat, von der Straße wieder in Frage gestellt werden kann. Heute ist die Legitimität auf der Seite der Straße und die Straße kann eine größere Macht haben als die Regierungen. Das war so 1995, als der Plan Juppé durchgesetzt werden sollte
(die Rentenregelungen für die Privatwirtschaft sollten auf den öffentlichen Dienst ausgeweitet werden, d.Red.), das war so auch 2006, als es um die Erstanstellungsverträge
(für unter 26jährige mit geringerem Kündigungsschutz, d.Red.) ging. Und zu welchem Zeitpunkt hätten die Bürger über die Rente mit 67 abgestimmt? Auf YouTube können Sie noch Nicolas Sarkozy sehen, wie er erkärt, er werde die Rente mit 60 nicht antasten. Die Schüler setzen sich ganz von selbst in Bewegung, sie brauchen niemanden dazu. Schüler können aber Mitglieder der NPA sein. Ja, alle müssen reingezogen werden. Die Jugendlichen verstehen: Wenn man von den Alten fordert, dass sie länger arbeiten, haben sie noch weniger Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden. Es gibt kein Modell, das sich exportieren ließe. Jeder Kampf ist ein besonderer und folgt seinen eigenen Gesetzen. Aber ich denke, ein neuer Mai 68 in den Farben des 21.Jahrhunderts würde niemandem schaden, höchstens den Kapitalisten und der Regierung. Das ist aber nicht schlimm... Wir erleben (noch!) keine Revolution. Wir sind in einem Prozess der Verallgemeinerung der Streikbewegung, bei der Radikalisierung und Ausweitung Hand in Hand gehen. Die Bewegung breitet sich jedes Mal ein Stückchen mehr aus, gleichzeitig radikalisieren sich die Aktionen, weil die Regierung sie dahin treibt. Die NPA fordert nicht eine Verbesserung des Gesetzentwurfs, sondern schlicht und einfach seine Rücknahme. Wir wollen die volle Rente mit 60 und die Rückkehr zu 37,5 Jahren Rentenanwartschaftszeiten. Um das zu bezahlen, schlagen wir vor, die Arbeitgeberbeiträge zu erhöhen. Die Kapitaleinkommen. Jedes Jahr gehen uns 32 Milliarden Euro durch Befreiung von Lohnnebenkosten verloren, womit angeblich Arbeitsplätze geschaffen werden (man sieht, mit welchem Erfolg!). Der Verzicht auf diese Beiträge reißt Löcher in die Kassen. Die Probleme, die die Wirtschaft derzeit hat, sind nicht Folge des Generalstreiks, sondern eines Tatbestands, der sich Kapitalismus nennt, dessen Krise, die vor zwei Jahren durch die Subprimekredite ausgelöst wurde, das Räderwerk der gesamten Ökonomie blockiert hat. Wir erleben eine Überproduktionskrise im marxistischen Sinne des Wortes. Wir werden eines Tages wohl eine neue Produktionsweise und Konsumtionsweise erfinden müssen, die uns erlaubt, die Bedürfnisse der Menschheit zu befriedigen. Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Das wäre eine Ablenkung und ein institutioneller Ersatz für die soziale Mobilisierung. Wenn es ein wirksameres Mittel gibt um zu siegen, als der verlängerbare Generalstreik, soll man uns das sagen, ich sehe keins. Das Bürgervotum konnte zum Zeitpunkt der Privatisierung der Post ein Mittel sein, die Kämpfe zu unterstützen. Es kann sie aber in keinem Fall ersetzen. Keine Panik, Serena, das wird noch kommen! Ein Dutzend Universitäten sind schon in Aktion, und die Studentenproteste könnten tatsächlich eine entscheidende Rolle für die Ausweitung der Bewegung spielen. Es ist also normal, dass ich auf der Seite der Blockierer stehe. Ich bin eher für einen Roten Block. Außerdem mag ich Merguez-Würstchen und bin ein Verfechter des verlängerbaren Generalstreiks. Wir schlagen den Zusammenschluss aller antikapitalistischen Kräfte auf der Basis der Einheit und der Radikalität vor, in völliger Unabhängigkeit von der SP. Mein Ziel ist nicht, die Politik der SP zu ändern oder sie zum Antikapitalismus zu konvertieren (viel Erfolg!), sondern der SP die Hegemonie über die restliche Linke streitig zu machen. Mit 60 Jahren bei vollen Bezügen! Aber wisse, Laurent, dass ich auch danach politisch aktiv bleiben werde. Im Sieg. Die Bedingungen für einen Sieg der Rentenbewegung sind gegeben. Er steht nicht geschrieben, und es liegen noch viele Hindernisse vor uns. Aber objektiv weitet sich unser Lager, das der Proteste, aus, während das andere Lager sich isoliert und schwächer wird. Vorabveröffentlichung
aus der Sozialistischen
Zeitung (SoZ). |