| Das
sinkende Schiff des US-Imperiums Gilbert
Achcar "Die
Niederlage der Hezbollah wäre für den Iran psychologisch wie
strategisch ein großer Verlust. Er würde seine Stütze im Libanon
verlieren, sein wichtigstes Mittel, um den Nahen Osten zu
destabilisieren und in die Region vorzudringen. Es würde
offensichtlich, dass er im Versuch, sich als regionale Supermacht zu
etablieren, weit über das Ziel hinausgeschossen hat. Die Vereinigten
Staaten haben viel aufs Spiel gesetzt, um Israel siegen und all dies
geschehen zu lassen. Sie haben auf die Fähigkeit Israels gesetzt, den
Job zu erledigen. Sie wurden enttäuscht. Regierungschef Ehud Olmert hat
sich als unbeständige, unsichere Führungspersönlichkeit erwiesen
Sein Versuch, einen billigen Sieg zu erringen, hat nicht nur die
Operation im Libanon gefährdet, sondern auch Amerikas Vertrauen in
Israel erschüttert." Charles Krauthammer,
Washington
Post, 4. August 2006 "Doch
die Regierung muss nun zugeben, was alle einschließlich mir selbst, die
daran geglaubt haben, wie wichtig es ist im Irak erfolgreich zu sein,
zugeben müssen: Sei es nun auf Bush oder die Araber zurückzuführen,
wir schaffen es nicht und können nicht immer noch mehr wertvolles Leben
opfern
Doch die zweitbeste Lösung ist der Rückzug aus dem Irak.
Denn die schlimmste Option und die wäre ganz nach dem Geschmack des
Iran ist für uns, im Irak zu bleiben und zu bluten, leicht
erreichbar, um vom Iran getroffen zu werden, wenn wir seine Atomwaffen
angreifen. Wir müssen einen Umgang mit dem Iran und Syrien finden, aber
aus einer Position der Stärke und das erfordert eine breite
Koalition. Je länger wir im Irak einseitig eine verfehlte Strategie
verfolgen, desto schwieriger wird es sein, eine solche Koalition
aufzubauen, und umso stärker werden die Feinde der Freiheit werden." Thomas
Friedman, New York Times, 4. August
2006 Mit
jedem Tag, der vergeht, verlassen weitere ehemals enthusiastische
UnterstützerInnen des imperialen Kurses der Bush-Regierung im Nahen
Osten das sinkende Schiff. Inzwischen hat sich ohne jeden Zweifel
bewahrheitet, was viele vorausgesehen haben: Die Regierung Bush wird als
ungeschickteste Crew, die je am Ruder des amerikanischen Imperiums
gestanden hat, in die Geschichte eingehen. Bush
und seine Spießgesellen haben im kollektiven Gedächtnis bereits ihren
Platz als Totengräber der US-Ambitionen nach dem Kalten Krieg: Sie
haben die unvergleichliche Heldentat vollbracht, die ausgesprochen günstigen
Bedingungen zu vergeuden, die der US-Imperialismus vorgefunden hat, seit
1989 der zweite große Block zu zerbröckeln begann. Sie haben die
einzigartige Gelegenheit verpasst, die der oben zitierte Krauthammer
1990 als "unipolaren Moment" bezeichnet hatte. Doch sie haben sie
verpasst, weil sie von genau derselben imperialen Anmaßung getragen
waren, die Leute wie Krauthammer und Friedman auszeichnet. Der
Leitartikel einer kürzlich erschienenen Ausgabe des Time-Magazines,
die vor dem Beginn von Israels jüngstem Libanonkrieg veröffentlicht
wurde, verkündete das "Ende der Cowboy-Diplomatie", beruhend auf
der offensichtlichen Erkenntnis, dass die "Bush-Doktrin an der
wichtigsten Stelle, an der sie die USA anzuwenden versuchten,
gescheitert ist": "Obwohl niemand im Weißen Haus offen Bushs
Entscheidung hinterfragt, gegen den Irak Krieg zu führen, geben manche
MitarbeiterInnen nun zu, dass er unterdessen einen hohen Preis an militärischen
Mitteln, öffentlicher Unterstützung und Glaubwürdigkeit im Ausland
fordert. Den Preis zahlt die Regierung tagtäglich, während sie
gleichzeitig versucht, mit anderen Krisen fertig zu werden. Es ist
nahezu unmöglich, die in der Bush-Doktrin vorgesehene offensive Außenpolitik
weiterzuführen, während die USA gleichzeitig einen Weg suchen, sich
aus dem Irak zurückzuziehen. Weltweit nehmen Freunde wie Gegner der USA
die Spannungen der Supermacht zur Kenntnis und ziehen vielfach
Vorteil daraus. Während der Sturz Saddam Husseins den Rekordpegel der
US-Hegemonie markierte, zeugen die letzten drei Jahre von der stetigen
Erosion der Fähigkeit Washingtons, die Welt ihrem Willen zu beugen."[1] Der
gravierendste Vorwurf der Autoren lautete: "Wie sich erweist, könnte
der Irak nicht nur zum ersten, sondern auch zum letzten Versuchsfeld für
einen Präventivkrieg werden. Anstatt die Machthaber in Teheran und Pjöngjang
abzuschrecken, könnten die Mühen der US-Besatzung diese Regimes in
ihrem Bestreben ermutigt haben, sich Atomwaffen zu beschaffen, während
sie die Fähigkeit der US-Armee einschränken, sie davon abzuhalten." Diese
ausgesprochen bittere Einschätzung im Time-Artikel
war begleitet von derselben Hoffnung, in die auch der große Chor der
Verbündeten, Schützlinge und Klienten der USA einstimmte: Für sie
alle, mit der auffallenden Ausnahme der israelischen Regierung, nährte
die Tatsache, dass die prominentesten Neokonservativen in der
Bush-Regierung beiseite geschoben wurden, die Hoffnung, es zeichne sich
ein neuer gesunder Kurs in der Außenpolitik der US-Regierung ab. Die
Umbesetzung, die es im Zuge der zweiten Amtszeit von George W. Bush gab,
schien trotz des Abgangs des Chefrealisten Colin Powell, der jedoch
sowieso nur begrenzten Einfluss auf die Regierung hatte, die "Abenddämmerung
der Neokonservativen" zu bestätigen, die manche Clinton-AnhängerInnen
zwei Jahre zuvor angekündigt hatten.[2] Was
die Time-Autoren als Zeichen für
den Niedergang der "Cowboy-Diplomatie" ankündigten "eine gründliche
Strategieänderung im Zug des Aufstiegs von Staatssekretärin
Condoleezza Rice ist offenkundig" erwies sich, kaum war es
gedruckt, im Lichte der darauf folgenden Ereignisse, als Israel seinen
ausgesprochen brutalen Angriff startete, als bloßes Wunschdenken. Wie
sich zeigte, wurde die Cowboy-Diplomatie einfach durch eine
Cowgirl-Diplomatie ersetzt, die im Wesentlichen auf dasselbe hinausläuft. Condoleezza
Rice tat zwar wirklich ihr Bestes, um der Außenpolitik der
Bush-Regierung ein neues Make-up zu verpassen, doch im Wesentlichen gab
es keine erhebliche Veränderung. Sie war von Anfang an eine Stütze der
Regierung und teilt denselben verrückten Größenwahn übertriebener
Zielsetzungen, der auch das restliche Team auszeichnet. Der Auftrag von
Rice, die für die zweite Amtszeit mit dem State Departement betraut
wurde, bestand hauptsächlich darin, die vielen Lecks der US-Außenpolitik
zu stopfen: ein allerdings unerfüllbarer Auftrag. Das Schiff sinkt
unaufhaltsam im trüben Wasser des irakischen Ölteppichs. Die "Hypermacht" USA, die in der Lage ist, jede andere reguläre Armee
weltweit niederzustrecken die Rüstungsausgaben dieser Hypermacht
sind höher als die der über 200 Staaten der restlichen Welt und der
Militärhaushalt übersteigt das BIP aller mit Ausnahme von 14 Staaten
weltweit , hat einmal mehr in der jüngeren Vergangenheit erwiesen,
dass sie unfähig ist, aufständische Bevölkerungen unter Kontrolle zu
bringen. Dafür ist all das ausgeklügelte Tötungsarsenal, das das
Pentagon besitzt, von sehr begrenzter Hilfe. Um Bevölkerungen zu
kontrollieren, braucht man Truppen. Es ist eine Art von Gewerbe, dessen
Arbeitskraft nur schwer durch Hardware ersetzbar ist. Deshalb tun sich
Diktaturen im Übrigen verhältnismäßig leichter in diesem Geschäft,
da sie ihre Bevölkerung nach Belieben aufbieten können und kein
Problem damit haben, einen hohen Preis an Soldatenleben zu zahlen. Die
USA haben sich als unfähig erwiesen, Vietnam unter Kontrolle zu
bringen, obwohl ein wesentlich höherer Anteil an Truppen pro Einwohner
im Einsatz war als im Irak. Die Militärmacht der USA ist heute sogar in
jeder Hinsicht stärker als zu Zeiten des Vietnamkriegs, außer in dem
Bereich, der für eine Besatzung entscheidend ist: Truppen. Die Stärke
der US-Truppen wurde seit Vietnam und dem Ende des Kalten Krieges
radikal abgebaut. Im Geist des für den Kapitalismus der Ära der
Automatisierung typischen Denkens glaubte das Pentagon, die Unzuverlässigkeit
des Humankapitals durch eine starke Abhängigkeit von
hochtechnologischen Waffen ausgleichen zu können die so genannte "Revolution in Militärangelegenheiten". Damit einher ging der Übergang
ins Zeitalter der "post-heroischen" Kriege, wie sie von einem
unangepassten Militäranalysten treffend genannt wurden.[3]
Und es bedeutete den USA tatsächlich keine große Mühe, die irakische
Armee von Saddam Hussein "post-heroisch" zu besiegen. Die "post-heroische" Kontrolle über die irakische Bevölkerung erwies
sich dagegen als Herausforderung ganz anderen Kalibers. Die
USA verlieren stetig die Kontrolle über den Irak, seit sie 2003 die
Besatzung errichtet haben. Auf der einen Seite waren sie mit der
Ausbreitung eines bewaffneten Aufstands in den Gebieten der arabischen
SunnitInnen konfrontiert, der durch die begrenzte Zahl an verfügbaren
US-Besatzungstruppen nicht verhindert werden konnte. Denn wenn eine
Invasionsarmee nicht in der Lage ist, die Kontrolle über jeden
kleinsten Flecken bewohnten Landes auszuüben, wie dies bei einer
lokalen Armee üblicherweise der Fall ist, gibt es nur einen sicheren
Weg, einen bewaffneten Aufstand niederzuschlagen, der sich innerhalb der
eigenen Bevölkerung "wie ein Fisch im Wasser" bewegen kann, um eine
Formulierung Mao Zedongs aufzugreifen: das Becken auszutrocknen. Das
bedeutet entweder einen Völkermord zu begehen, wie ihn die russische
Armee in Ansätzen in Tschetschenien begeht, oder die Bevölkerung in
Konzentrationslager zu vertreiben oder eine Kombination aus beidem, wie
es die USA in Vietnam versuchsweise praktiziert haben, aber nicht zu
Ende führen konnten, weil die amerikanische Bevölkerung das nicht
toleriert hätte. Im
Irak war Washington auf der anderen Seite mit einem viel schwierigeren
Problem konfrontiert, das sich Anfang 2004 abzeichnete: Die
Bush-Regierung war durch ihre eigene Dummheit und die Versprechungen
mancher irakischer Pentagon-Freunde oder törichte Wahnvorstellungen
anderer Leute verleitet worden zu glauben, sie könne die Sympathie
eines größeren Teils der irakischen Mehrheitsbevölkerung, der
arabischen SchiitInnen, gewinnen. Das schlug vollkommen fehl, da der
Einfluss der Iran-freundlichen fundamentalistischen
Schiiten-Organisationen die Anhängerschaft, die Washingtons
Gefolgsleute unter den irakischen Schiiten kaufen konnten, völlig in
den Schatten stellte. Der Regierung Bush blieb keine andere Wahl für
ihre imperialen Pläne als das klassische Rezept des "teile und
herrsche", den Versuch, die Feindschaft zwischen den drei Hauptgruppen
der irakischen Bevölkerung zu schüren, indem sie die SchiitInnen und
arabische SunnitInnen im Bündnis mit den KurdInnen gegeneinander
aufhetzten. Das Abgleiten des Iraks in den Bürgerkrieg wurde damit
beschleunigt und das allgemeine Scheitern des Versuchs, das Land unter
Kontrolle zu bringen, noch sichtbarer.[4] Die
Art und Weise, wie der amerikanische Gulliver von den irakischen
Liliputanern festgeschnürt wurde, hat zweifellos dem Iran, der anderen
Stütze der von George W. Bush zu Beginn seiner Kriegsambitionen nach
dem 11. September 2001 als "Achse des Bösen" im Nahen Osten
bezeichneten Länder, erheblich Auftrieb verliehen. Die absolut
widerspenstige, ja provokative Haltung des Iran gegen den US-Riesen war
nur möglich, weil dieser im Irak Schwäche zeigte. Und Teheran konterte
erfolgreich die Versuche von Washingtons arabischen Gefolgsleuten, die
Religionsfehde vom Irak auf den Rest der arabischen Region auszudehnen,
um das iranische Regime als schiitisch zu isolieren, ein Trick, der 1979
nach der iranischen Revolution mit einem gewissen Erfolg praktiziert
wurde. Teheran konterte, indem es die arabischen Regimes in ihrer
Feindschaft gegenüber Israel überbot und sich damit das Image eines
Vorkämpfers der panislamischen Sache gab. Ein
Schlüssel von Teherans Erfolg liegt im Bündnis, das mit Hamas, der
populärsten Verkörperung des sunnitisch-islamischen Fundamentalismus,
aufgebaut wurde. Dieses Bündnis wurde gefestigt, als die größte
Sektion der Muslimbrüderschaft (deren palästinensischer Zweig die
Hamas ist), die ägyptische Sektion, offen die provokanten
israelfeindlichen Statements des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad
unterstützte. Hamas Aufstieg zur Macht bei den palästinensischen
Wahlen von Januar 2006 versetzte der Regionalstrategie Washingtons einen
weiteren Schlag. Teheran jubelte und forderte durch die Unterstützung
der neuen palästinensischen Regierung einmal mehr all seine arabischen
Rivalen heraus. An diesem Punkt griff Israel ein, das von Washington als
viel versprechender Retter einer Strategie gesehen wurde, die sonst
immer mehr einer imperialen Titanic glich. Washington
schickte in dem seit vier Jahrzehnten bestehenden strategischen Bündnis
zwischen dem US-Sponsor und dem israelischen Champion noch immer auf
Israels alten Ruf vertrauend, es verfüge über unfehlbare Kenntnisse im
Umgang mit dem arabischen Feind seinen bevorzugten Vertreter gegen
jene ins Feld, die als Stellvertreter des Iran erachtet werden, nämlich
Hamas und Hezbollah. Was die Bush-Regierung allerdings übersah, ist,
dass der Ruf Israels durch sein offensichtliches Scheitern, die 1967
besetzten palästinensischen Gebiete unter Kontrolle zu bringen, und
erst recht durch den an Saigon erinnernden Rückzug aus dem Libanon im
Jahr 2000 nach 18-jähriger Besatzung bereits stark angeschlagen ist.
Israel hat im Libanon bereits sein eigenes Vietnam erlebt. Und
wie das Pentagon nach Vietnam sind auch die israelischen
KriegsplanerInnen seit dem Libanon auf eine "post-heroische Militärpolitik"
eingeschwenkt und vertrauen viel mehr auf ihr weitaus überlegenes Gerät
als auf die Kampffähigkeit ihrer Bodentruppen. Als Israel 1982 in den
Libanon einmarschierte, bekämpfte es hauptsächlich die PLO-FreischärlerInnen.
Diese waren im Libanon alles andere als "Fische im Wasser", da sie
es geschafft hatten, die libanesische Bevölkerung durch ihr arrogantes,
plumpes Verhalten gegen sich aufzubringen. Der libanesische Widerstand,
der seit 1982 Bedeutung erlangt hat und in dem die Hezbollah nach und
nach eine führende Rolle spielte, war etwas völlig anderes. Die
israelische Armee war erstmals mit einem wirklich aus dem Volk
hervorgegangenen bewaffneten Widerstand mit Nachschublinien in einem
Gebiet konfrontiert, das sich für den Guerilla-Krieg eignet. Israel
geriet in dasselbe Dilemma, wie bereits für den Irak beschrieben, und
war ähnlich den USA in Vietnam gezwungen, die bittere Pille eines Rückzugs
zu schlucken, der einer Niederlage gleichkommt. Israels
Glaube an die Unbesiegbarkeit seiner militärischen Ausrüstung mit
einer Anmaßung, die noch verstärkt wurde durch die Amateurhaftigkeit
in Militärangelegenheiten von Olmert und Peretz, die derzeitigen Kapitäne
dieser Crew ließ die Israelis glauben, sie könnten die Hezbollah
zur Kapitulation zwingen oder die LibanesInnen an den Rand eines neuen Bürgerkriegs
führen, indem der ganze Libanon zur Geisel genommen, die zivile
Infrastruktur des Landes zerstört und die schiitisch bewohnten Gebiete
mit einem Bombenhagel eingedeckt werden. Israel legte bewusst ganze
Stadtteile und Dörfer nach einem Muster flach, das an manche
Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs oder den Angriff auf Falludscha,
wenn auch in wesentlich größerem Maßstab und damit wesentlich
sichtbarer, erinnert. Israels neuer Krieg gegen den Libanon offenbarte
die mörderische Wut eines Racheaktes gegen die einzige Bevölkerung,
der es gelungen war, Israel zum bedingungslosen Rückzug aus einem
besetzten Gebiet zu zwingen. Das
gemäß internationalen Konventionen, die festlegen, was als
Kriegsverbrechen gilt, verbrecherische Verhalten der israelischen Armee
im Libanon übersteigt jene Verbrechen, die die USA nach Vietnam in
ihren Militäraktionen in großem Stil begangen haben, sei es im Irak
oder im ehemaligen Jugoslawien. Israels Angriff auf den Libanon kommt
insofern einem Sonderfall der so genannten Politik der "extraordinary
rendition" (Auslieferung der besonderen Art) gleich. Bekanntlich hat
Washington Personen, die weit über die von der nationalen Gesetzgebung
auferlegten Einschränkungen hinaus "verhört" werden sollten, an
jene Klientelstaaten ausgeliefert, die keine Hemmung haben, das dreckige
Geschäft der Folter zu verrichten. Nun hat Washington Israel die
Aufgabe übertragen, die Hezbollah zu besiegen, die als Hauptelement
einer regionalen Gegenoffensive gegen den Iran gesehen wird in der
Hoffnung, Israel könne die dreckige Arbeit verrichten und die Aufgabe
ohne große Probleme erledigen. Einmal
mehr wurde die schreckliche Erinnerung an den Völkermord der Nazis
schamlos instrumentalisiert in einer Art und Weise, die im laufenden
Krieg einen neuen Höhepunkt an Unverfrorenheit erreicht hat. Die
israelische Führung glaubte, so jede Kritik der Westmächte alias der "internationalen Gemeinschaft" abwenden zu können. Und obwohl sich
die Mittel für diese Instrumentalisierung mit jeder Schwelle der
Brutalität, die Israel überschreitet, unverkennbar erschöpfen, ist
sie noch immer wirksam: Jeder andere Staat der Welt, der sein
Nachbarland angegriffen hätte, um dort bewusst Kriegsverbrechen in kürzester
Zeit zu begehen, wie Israel dies im Libanon tut, hätte einen Aufschrei
provoziert, der unvergleichlich lauter gewesen wäre als die
geheuchelten oder schüchternen Vorwürfe, die Israel für seine "Unverhältnismäßigkeit" erntet. Trotz
alledem ist dem grausamen israelischen Angriff kein Erfolg beschert. Er
hat sich im Gegenteil bereits als das erwiesen, was Zeev Sternhell
etwas beschönigend als Israels "erfolglosesten Krieg" bezeichnet,
bevor er zum bitteren Schluss kommt: "Der Gedanke, dass jene, die den
Beschluss gefällt haben, in diesen Krieg zu ziehen, nicht einmal im
Traum an das Ergebnis und die zerstörerischen Folgen in fast jeder
Hinsicht, den politischen und psychologischen Schaden, an den Schlag,
den er der Glaubwürdigkeit der Regierung versetzt hat, und ja, auch
an das überflüssige Töten von Kindern gedacht haben, ist
erschreckend. Der Zynismus, den offizielle Regierungssprecher und andere
einschließlich zahlreicher MilitärkorrespondentInnen angesichts der
Katastrophe, die die LibanesInnen erleiden, unter Beweis stellen, bestürzt
sogar jemanden, der seit langem viele seiner Jugendillusionen verloren
hat."[5] Anstatt
einen Bürgerkrieg zwischen den LibanesInnen zu provozieren, hat Israels
rücksichtsloser Angriff bisher nur dazu geführt, die libanesische Bevölkerung
in ihrer gemeinsamen Ablehnung gegen die mörderische Brutalität zu
einen. Anstatt die Hezbollah zur Kapitulation zu zwingen, hat er die
fundamentalistische Schiiten-Organisation zum angesehensten Gegner
Israels seit der Besiegung Ägyptens 1967 und Hezbollah-Chef Nasrallah
zum beliebtesten arabischen Helden seit Nasser gemacht. Anstatt die Bemühungen
Washingtons und seiner arabischen Gefolgsleute zu erleichtern, einen
tieferen Keil zwischen SunnitInnen und SchiitInnen zu treiben, brachte
er viele sunnitische Mainstream-Prediger dazu, die Hezbollah offen zu
unterstützen selbst im Königreich Saudi-Arabien, was für die
saudische Herrscherfamilie äußerst demütigend ist. Die Irakis
verurteilten einhellig den israelischen Angriff, während der gefürchtetste
Gegner Washingtons und Verbündete Teherans, Moqtada as-Sadr, die
Gelegenheit ergriff, eine weitere Massendemonstration zu organisieren,
die ebenso beachtlich war wie jene, die er am 9. April 2005 gegen die
Besatzung organisiert hatte. Zum
Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels bemüht sich Washington noch
immer darum, mehr Zeit für Israel herauszuschlagen, indem es einer
Resolution des UN-Sicherheitsrats, die zu einem Waffenstillstand
aufruft, unerfüllbare Bedingungen vorgibt. Und die israelischen Generäle
stehen angesichts des völligen Scheiterns ihrer "post-heroischen"
Bombenangriffe in einem Wettlauf mit der Zeit, um durch eine völlig
zerstörerische "post-heroische" Bodenoffensive möglichst viel
Territorium im Südlibanon zu einem möglichst geringen Preis an
israelischen Soldatenleben zu erobern. Doch
das Maximum, was sie gegenwärtig wirklich erreichen können, ist, das
Gebiet an eine internationale Streitmacht zurückzugeben, die von der
Hezbollah akzeptiert würde. Selbst der französische Präsident Jacques
Chirac hat, obwohl er seit 2004 in der Libanon-Frage eng mit Washington
zusammenarbeitet, betont, eine Mitwirkung der Hezbollah sei unabdingbar.
Kein Land auf Erden ist wohl bereit, zu versuchen, die Aufgabe zu
erledigen, deren Erfüllung Israel nicht gelingt. Und die
Schiiten-Organisation hat bereits festgehalten, dass sie keine
Streitmacht akzeptieren würde, deren Mandat wesentlich über jenes der
bereits bestehenden UNIFIL hinausgeht, die Israel als Störfaktor
betrachtet. Was
auch immer bei dem laufenden Krieg im Libanon am Ende herauskommt, eines
steht schon heute fest: anstatt Hilfe zu bieten, um das sinkende Schiff
des US-Imperiums wieder aufzurichten, hat das israelische Rettungsboot
den Schiffbruch noch schlimmer gemacht und wird gegenwärtig damit nach
unten gezogen. 6.
August 2006 Gilbert
Achcar ist im Libanon aufgewachsen und lehrt Politikwissenschaft an der
Universität Paris VIII. Sein bekanntestes Buch The
Clash of Barbarisms (Der
Schock der Barbarei, Neuer
ISP-Verlag) ist soeben auf Englisch in zweiter, erweiterter Auflage
erschienen. Ein Buch mit seinen Dialogen mit Noam Chomsky über den
Nahen Osten, Perilous Power, erscheint demnächst. Aus
dem Englischen: Birgit Althaler, althaler@fazitbasel.ch Erscheint in Inprekorr, September/Oktober 2006
[1]
Mike
Allen und Romesh Ratnesar, "The End of Cowboy Diplomacy", Time, 17. Juli 2006.
[2]
Stefan
Halper und Jonathan Clarke, "Twilight of the Neocons", Washington
Monthly, März 2004.
[3]
Edward
Luttwak, "A Post-Heroic Military Policy", Foreign
Affairs, Bd. 75, Nr. 4, Juli/August 1996.
[4]
Diesen Prozess habe ich in Perilous
Power beschrieben (siehe biografische Notiz). Ein Ausschnitt über
die Lage im Irak 2006 wird demnächst im Internet erscheinen.
[5]
Zeev
Sternhell, "The Most Unsuccessful War", Haaretz,
2. August 2006.
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